22/10/2025 - Automotive

Text: Alec Lavaerts                Fotos: Dré Wauters

Alfa Romeo 6C 1750 Gran Sport Spider 1931

Geboren, um zu gewinnen

Bei den diesjährigen Interclassics in Maastricht, Niederlande, stahl ein prachtvolles Exemplar des legendären Alfa Romeo 6C Gran Sport aus dem Jahr 1931 die Show. Der von Zagato karossierte edle Sportwagen, der einst Phil Hill gehörte, würde einige Wochen später von Sotheby's auf der Retromobile Paris zur Versteigerung angeboten werden. Uns blieb nur wenig Zeit, um diesen prestigeträchtigen Vollblüter zu testen…

Text: Alec Lavaerts                Fotos: Dré Wauters

Alfa Romeo 6C 1750 Gran Sport Spider 1931

Geboren, um zu gewinnen

Bei den diesjährigen Interclassics in Maastricht, Niederlande, stahl ein prachtvolles Exemplar des legendären Alfa Romeo 6C Gran Sport aus dem Jahr 1931 die Show. Der von Zagato karossierte edle Sportwagen, der einst Phil Hill gehörte, würde einige Wochen später von Sotheby's auf der Retromobile Paris zur Versteigerung angeboten werden. Uns blieb nur wenig Zeit, um diesen prestigeträchtigen Vollblüter zu testen…

Longines World’s Best Racehorse

Seit den Anfängen von Alfa Romeo zeichneten sich die Mailänder Autos durch ihren technischen Einfallsreichtum und ihre Solidität aus, wodurch sie von Anfang an zu den grössten Herstellern der Automobilindustrie gehörten. Doch erst mit dem brillanten Ingenieur Vittorio Jano gelang ihnen 1924 der Durchbruch. Er entwickelte 1926 den NR (Nicola Romeo), ein hochmodernes Leichtauto, das unter dem Namen 6C 1500 Normale auf den Markt kam.

Vor allem der Motor war eine Meisterleistung der Spitzentechnologie, die bis dahin selten in der Automobilbranche zu sehen war. Dieser Sechszylinder verfügte bereits über eine obenliegende Nockenwelle mit einer Antriebswelle, mit der problemlos hohe Geschwindigkeiten eingehalten werden konnten. Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Varianten davon entwickelt, darunter auch Sportversionen. Trotz ihres ursprünglich kleinen 1,5-Liter-Motors forderten sie in internationalen Wettbewerben die eher zerbrechlichen Bugattis, die grossen Bentleys und die Mercedes mit ihren aufgeladenen 7-Liter-Motoren heraus.

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... seit den Anfängen von Alfa Romeo zeichneten sich die Mailänder Autos durch ihren technischen Einfallsreichtum und ihre Solidität aus ...

Die Alfa-Rennwagen erwiesen sich nicht nur dank ihrer für die damalige Zeit modernen und kompakten Bauweise als äusserst effizient und schnell. Sie erwiesen sich auch als äusserst zuverlässig, eine Eigenschaft, die vor allem bei internationalen Langstreckenrennen von Vorteil war. Qualitäten, die die Rennsportszene schon bald für sich entdeckte. Die legendärsten Rennfahrer, darunter Tazio Nuvolari und Enzo Ferrari, der damals selbst noch Rennfahrer war, gingen oft mit einem 6C an den Start. Unweigerlich folgte ein Sieg auf den anderen. Eine kleine Auswahl aus dem Goldenen Buch dieses Alfa: drei Mille Miglia, die Tourist Trophy, Brooklands Double Twelve, der Grosse Preis von Irland, der Giro di Sicilia und die 12 Stunden von San Sebastian. Bei letzteren war der siegreiche Alfa 6C 1750 SS mit Varzi-Zehender 1929 schneller als Louis Chiron mit seinem Bugatti Typ 35B - der allerdings den Grossen Preis von Spanien gewonnen hatte, der am Tag zuvor am selben Ort stattgefunden hatte.

Longines World’s Best Racehorse

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Ab 1928 dominierten die 6C die 24 Stunden von Spa; die Konkurrenz verlor den Mut. In den Jahren 1929 und 1930 belegten die Alfas die drei obersten Plätze auf dem Siegertreppchen. Weitere Siege folgten. 1931 stellte ein 6C Gran Sport auf der Rennstrecke von Monthléry in der Nähe von Paris eine Reihe von Weltrekorden auf, die noch lange Bestand haben sollten. Im selben Jahr stellt Alfa seinen grossen Bruder, den 8C 2300, vor. Nach und nach verdrängte der stärkere Achtzylinder den 6C. Mitte der 1930er Jahre ging er in den Ruhestand und konnte auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken.

Die beeindruckende Erfolgsgeschichte des Alfa 6C hat ihn zu einem Monument der Automobilwelt erhoben – ein Image, das den Test der Zeit bestanden hat. Dieser legendäre Mailänder hat daher schon immer ein besonderes Interesse geweckt. Selbst in den 1950er und 1960er Jahren, als noch niemand an das Sammeln alter Sportwagen dachte, blieb der 6C sehr begehrt. Obwohl ein 6C schon sehr früh erhalten wurde, ist er auch heute noch selten. Damals handelte es sich um ein sehr exklusives Auto, das nur der Elite vorbehalten war. Die Leute entschieden sich in der Regel für die klassischere Limousine, den Turismo. Die teureren Sportmodelle wurden natürlich weniger verkauft. Insgesamt verliessen etwa 60 Einheiten des 6C 1750 Super Sport die Tore der Fabrik in Portello, von insgesamt 257 gebauten Exemplaren des 6C Gran Sport. Darunter waren speziell für den Rennsport vorbereitete Modelle mit einem Motor, der mit einem festen Kopf (testa fissa) versehen war, äusserst selten.

Longines World’s Best Racehorse

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In der Tat trifft man immer weniger echte 6Cs, vor allem die begehrten Sportversionen. Im Laufe der Jahre wurden viele von ihnen ungeschickten Restaurierungen unterzogen, die damit einen Grossteil ihres Charakters verloren. Der von Sotheby's auf der Rétromobile angebotene 6C Gran Sport hingegen zeichnet sich durch seinen einzigartigen Zustand aus. Die schöne Patina dieses eleganten Italieners sorgt für einen zusätzlichen Hauch von Authentizität. Nicht nur die von der Carrozzeria Zagato gebaute Karosserie ist eine wahre Augenweide. Auch der Motor ist ein wahres Kunstwerk aus Metall. Weitere Nachforschungen ergaben, dass dieser Gran Sport 1931 das Licht der Welt erblickte.

Ausführliche Unterlagen belegen, dass er im Spätherbst desselben Jahres in der Schweiz verkauft wurde. Der damalige Besitzer behielt den Alfa viele Jahre lang. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dieser 6C hinter einer Mauer versteckt, um zu verhindern, dass er in falsche Hände geriet. Erst 20 Jahre später tauchte er wieder auf, als die Witwe des Besitzers das Haus verkaufte. Der 6C soll daraufhin an einen in Genf lebenden amerikanischen Offizier übergegangen sein. Der schöne Italiener zog dann in die USA und wurde laut Sotheby's an den ehemaligen Weltmeister Phil Hill verkauft. Dieser besass den Wagen bis 1988.

Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre, eine Runde mit dem Alfa Romeo 6C 1750 SS von 1929 ex Luigi Chinetti zu drehen, was mich sehr beeindruckt hatte. Ein Grund mehr, sich auf das Nachfolgemodell, den 6C Gran Sport, zu freuen: Der Gran Sport wurde im Wesentlichen auf der Basis des SS entwickelt. Sobald man sich hinter das grosse Lenkrad auf der rechten Seite gesetzt hat, fällt einem sofort die einfache Handhabung dieses 94 Jahre alten Sportwagens auf. Im Gegensatz zu einigen zeitgenössischen Autos, bei denen man sich in alle Richtungen winden muss, um eine bequeme Sitzposition zu finden, hat man hier den nötigen Platz. Das Armaturenbrett ist sehr vollständig und bietet einen klaren Überblick über die Instrumente. Der Schalthebel befindet sich links vom Lenkrad, die Handbremse rechts davon.

Bevor du den Motor startest, solltest du den Kraftstoffstand in der Schwimmerkammer des Doppelvergasers mit einer Handpumpe auffüllen. Dann genügt ein Druck auf den Startknopf, um den Sechszylinder zu wecken, der dann im Vierteltakt schnaubt. Natürlich sollte man den Motor vor der Fahrt eine Weile aufwärmen lassen, zumal die Temperatur während unserer Testfahrt nahe dem Gefrierpunkt lag. Bis dahin scheint alles ziemlich normal und nahe an dem zu sein, was wir auch heute noch von zeitgenössischen Autos kennen. Doch dann wird es schon schwieriger: Du musst dich mit der Anordnung der Pedale auseinandersetzen. Die Position von Bremse und Gaspedal ist umgekehrt, um die Ferse-Spitze-Technik zu fördern. Dadurch sollte es einem erfahrenen Fahrer leichter fallen, beim Herunterschalten das Gaspedal zu betätigen, was beim Schalten in unsynchronisierte Gänge erforderlich ist. Eine damals gängige Übung, die jedoch Routine und besondere Aufmerksamkeit erfordert. Auch ohne diese Gymnastik muss ich zugeben, dass das Vierganggetriebe die Gänge trotz allem sehr sanft schaltet. Am Boden befindet sich ein Metallgitter, aus dem der Schaltknauf herausragt, ähnlich dem, das bis vor kurzem in Ferraris zu finden war. Es hilft dabei, leichter in den gewünschten Gang zu schalten. Hat man den Dreh einmal raus, lassen sich die Gänge leicht einlegen.

Longines World’s Best Racehorse

Alles in allem lässt sich der 6C mit einer unglaublichen Leichtigkeit für ein Auto dieses Kalibers und Alters fahren. Die allgemeine Ausgewogenheit des Gran Sport entzieht sich der Vorstellungskraft, sein Kurvenverhalten gleicht dem eines modernen Autos. Ein krasser Gegensatz zu den anderen Boliden dieser Zeit! Natürlich müssen die Bremsen ein wenig angepasst werden, aber letztendlich ist bei diesem Supersportwagen avant la lettre alles gut abgestimmt. Dieser Alfa fährt sich bemerkenswert leicht, obwohl es keine Servolenkung gibt. Der Motor zeigt eine noch nie da gewesene Geschmeidigkeit, mit dem Schnauben eines Kompressors. Mit zunehmender Temperatur wird der Wagen immer sanfter. Leider war meine Zeit am Steuer schnell abgelaufen und wir mussten die Mailänderin wieder zu ihrem Stall zurückbringen. Aber es war ein grosses Vergnügen, die aussergewöhnlichen Fähigkeiten des 6C Gran Sport zu geniessen. Der Alfa war seinen Zeitgenossen technisch um Jahre voraus.

Einige Tage später wurde dieser von Zagato karossierte Alfa Romeo 6C 1750 Gran Sport Spider aus dem Jahr 1931 von RM Sotheby's in Paris für € 1'833'125 versteigert. Kleine Anmerkung für den Käufer: Mit diesem Auto an der Mille Miglia für historische Fahrzeuge teilzunehmen, dürfte ein ziemliches Abenteuer sein!

Vielen Dank an Bodie Hage von Real Art on Wheels, dem Unternehmen, das sich auf den Handel und die Pflege von klassischen Autos und Oldtimern spezialisiert hat - www.realartonwheels.com.

www.alfaromeo.ch

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